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Wie KI Lieferketten stabiler macht

Von Heiko Schmidt, Convista

Künstliche Intelligenz revolutioniert das Supply Chain Management, entwickelt jedoch erst mit menschlicher Expertise echten Mehrwert

Lieferketten geraten selten durch ein einzelnes Ereignis unter Druck. Meist gibt es bereits eine Folge von verschiedenen Warnsignalen, die zu spät zusammengeführt werden: Ein Lieferant meldet Verzögerungen, ein wichtiger Kunde zieht Bestellungen vor, Transportkapazitäten werden knapp, während die Produktion noch davon ausgeht, dass alles wie geplant läuft. Bis Einkauf, Logistik, Vertrieb und Produktion ein gemeinsames Lagebild haben, ist dann oft wertvolle Zeit verloren und die Lieferkette gerissen. Künstliche Intelligenz kann das verhindern, wenn sie nicht als reines Automatisierungstool verstanden, sondern klug und mit Menschenverstand richtig eingesetzt wird.

KI ist in den Unternehmen längst angekommen: Laut Bitkom(1) nutzen 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland bereits Künstliche Intelligenz, weitere 48 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Gartner(2) erwartet, dass bis 2030 rund 70 Prozent großer Organisationen weltweit KI-basiertes Forecasting nutzen werden.

Von der reaktiven zur lernenden Lieferkette

Viele Planungsprozesse arbeiten allerdings noch immer stark vergangenheitsorientiert. In volatilen Märkten führt dieser Ansatz jedoch oft zu Fehlentscheidungen, da vergangene Entwicklungen kein verlässlicher Indikator für zukünftige Krisen oder Innovationen sind. Historische Absatzdaten, Erfahrungswerte und feste Zyklen bleiben wichtig, reichen aber nicht aus, wenn Nachfrage, Lieferzeiten und Transportkosten sich kurzfristig verändern und die Märkte immer dynamischer werden. Künstliche Intelligenz kann, wenn sie an den richtigen Stellen eingesetzt wird, diese Lücke verkleinern, weil sie mehr Datenpunkte gleichzeitig auswertet: Bestellungen, Lagerbewegungen, Lieferzeiten, Kapazitäten, Lieferantenperformance, Kundenprioritäten oder externe Einflussfaktoren. Daraus entstehen keine absolut unfehlbaren Prognosen, aber deutlich bessere Hinweise auf Risiken und Optionen.

Drei Bereiche, in denen KI konkreten Nutzen bringt

  1. Präzisere Nachfrageprognosen

    Forecasting ist einer der größten Hebel im Supply Chain Management, weil jede Fehleinschätzung Folgen hat. Wird Nachfrage überschätzt, entstehen Überbestände; wird sie unterschätzt, fehlen Produkte und Kundenaufträge verzögern sich. KI führt Verkaufshistorien, laufende Aufträge, saisonale Muster, Promotionen, regionale Nachfrageunterschiede und Lieferzeiten zusammen erstellt dadurch präzisere Prognosen. Erkennt ein Hersteller, dass sich Nachfrage früher verändert als erwartet, kann er Produktion oder Distribution rechtzeitig anpassen. Ziel ist nicht der perfekte Forecast, sondern ein Frühwarnsystem für relevante Abweichungen.

  2. Intelligentere Bestandssteuerung

    Viele Unternehmen versuchen ihre Lieferkette mit hohen Sicherheitsbeständen zu stärken. Das schützt kurzfristig, bindet aber Kapital und verschleiert häufig instabile Planungsdaten oder Lieferprozesse. Andererseits: Wenn Bestände zu stark reduziert werden, können kritische Artikel genau dann fehlen, wenn sie gebraucht werden. Mit einer KI-gesteuerten Datenverarbeitung lässt sich dieser Konflikt differenziert lösen oder zumindest deutlich lindern: Sie kann analysieren, welche Artikel wann wirklich kritisch werden, welche Lieferanten zuverlässig liefern, an welchen Standorten Puffer notwendig sind und wo Bestände reduziert werden können, ohne die Lieferfähigkeit zu gefährden. Der Nutzen liegt nicht in pauschaler Lagerreduktion, sondern in besserer Allokation.

  3. Schnellere Reaktion auf Störungen

    Wenn ein Lieferant ausfällt oder sich eine Sendung verspätet, betrifft das nicht nur den Einkauf. Das hat auch Auswirkungen auf Produktionspläne, Kundenaufträge, Transportwege, Bestände und Finanzplanung. Hier verlieren Unternehmen häufig Zeit, wenn sie die Störungen beheben wollen, weil Informationen in verschiedenen Systemen liegen und sie sich erst aufwendig einen Überblick verschaffen müssen. KI kann in solchen Situationen konkrete Antworten nahezu in Echtzeit liefern: Welche Aufträge sind genau betroffen? Welche Kunden haben aktuell Priorität? Gibt es alternative Lieferanten, Materialien oder Standorte? Welche Mehrkosten entstehen? Welche Produktionsreihenfolge wäre sinnvoller? Aus einzelnen Warnmeldungen werden so schnell konkrete Handlungsoptionen, um die Störungen schnell beheben zu können.

Warum viele KI-Projekte nicht skalieren

So groß das Potenzial ist, so häufig bleiben KI-Initiativen im Pilotstatus stecken. Der Grund liegt selten allein in der Technologie, meist liegt es an fehlenden Voraussetzungen: Erstens braucht KI belastbare Daten. Sind Stammdaten uneinheitlich oder Bestandsdaten ungenau, macht ein Algorithmus die Schwächen nur schneller sichtbar, kann aber keine Lösung anbieten. Zweitens braucht KI integrierte Prozesse, weil Supply Chain Management Einkauf, Produktion, Lager, Logistik, Vertrieb und Finanzen verbindet. Drittens braucht KI Governance: Unternehmen müssen klären, welche Entscheidungen unterstützt werden, wer Empfehlungen prüft und welche Anforderungen gelten.

Die bessere Einstiegsfrage

Viele Unternehmen beginnen mit der Frage, welche KI-Lösung sie brauchen. Sinnvoller ist die Frage nach dem strategischen Mehrwert für das Unternehmen. Statt also mit der Frage nach einer technologischen Lösung zu starten, ist die bessere Einstiegsfrage: Welche konkreten Supply-Chain-Entscheidungen sollen besser werden? Das kann eine geringere Forecast-Abweichung in einer bestimmten Produktgruppe sein, weniger Stockouts bei kritischen Artikeln, eine stabilere Produktionsplanung oder mehr Transparenz über Lieferantenrisiken. Je konkreter der Use Case, desto leichter lassen sich Datenlage, Nutzen und Skalierbarkeit bewerten. Ein guter Startpunkt ist deshalb selten das große unternehmensweite Transformationsprogramm, sondern ein abgegrenzter Anwendungsfall mit messbarem Ziel in Sichtweite.

Warum SAP-Landschaften besonders relevant sind

In vielen Industrie- und Handelsunternehmen laufen zentrale Supply-Chain-Daten in SAP-Systemen zusammen: Bestellungen, Materialstämme, Lagerbewegungen, Produktionsaufträge, Lieferanteninformationen, Kundenaufträge und Finanzdaten. Deshalb sind SAP-geprägte Landschaften für KI besonders relevant.

Mit SAP S/4HANA lassen sich operative Daten aus zentralen Geschäftsprozessen konsolidieren. SAP Integrated Business Planning kann Demand, Supply und Inventory Planning unterstützen. Über die SAP Business Technology Platform können zusätzliche Datenquellen angebunden und KI-Services integriert werden. Entscheidend ist, dass die Technologie konkrete Prozessfragen beantwortet: Welche Kundenaufträge sind durch einen Materialengpass gefährdet? Welche Alternativen gibt es im Bestand?

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Für den Einstieg empfiehlt sich ein praxisorientiertes Vorgehen. Erstens sollte das Geschäftsproblem konkret benannt werden, also nicht „Wir wollen KI einsetzen“, sondern „Wir wollen Forecast-Abweichungen in Produktgruppe X reduzieren“. Zweitens muss die Datenlage geprüft werden: Sind Bestandsdaten, Auftragsdaten, Lieferzeiten und Stammdaten vollständig, aktuell und verknüpfbar? Drittens sollte der Use Case bewusst begrenzt werden, damit Wirkung und Aufwand bewertbar bleiben.

Ebenso wichtig ist die organisatorische Seite. Fachbereiche müssen früh eingebunden werden, weil Planungsteams, Einkauf, Produktion und Logistik die operativen Ausnahmen kennen. Skalierung sollte dennoch von Beginn an mitgedacht werden, damit ein Pilot später in die System- und Prozesslandschaft passt.

Fazit: Resilienz entsteht vor der Störung

KI ersetzt keine Supply-Chain-Expertise. Sie erhöht deren Wirkung, indem sie Muster erkennt, Szenarien simuliert und Vorschläge macht, während Menschen weiterhin bewerten, priorisieren, Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen. Gerade in kritischen Situationen ist dieses Zusammenwirken von Künstlicher Intelligenz und menschlicher Erfahrung enorm wertvoll, weil sie die menschliche Expertise mit Transparenz über mögliche Konsequenzen von Entscheidungen ergänzt.

Fest steht: KI wird Lieferketten nicht komplett störungsfrei machen. Sie verhindert keine geopolitischen Konflikte, keine Extremwetterereignisse und keine Lieferantenausfälle. Aber sie kann Unternehmen helfen, früher zu erkennen, was passiert, schneller Alternativen zu bewerten und Entscheidungen konsistenter umzusetzen. Damit wird KI im Supply Chain Management zum Resilienzfaktor, weil sie die Zeit zwischen Signal, Bewertung und Handlung verkürzt.

Quellen zum Text:

Zum Autor:

Heiko Schmidt ist Geschäftsbereichsleiter der Business Unit Industry und Vorstandsmitglied der Convista Consulting AG. Er verantwortet die strategische Entwicklung und das Beratungsgeschäft für Industrieunternehmen im Kontext der digitalen Transformation und der Implementierung von IT- und SAP-Lösungen.