Die wirtschaftliche Entwicklung Europas bleibt aufgrund der weltpolitischen Lage von hoher Unsicherheit geprägt. In seiner wirtschafltichen Analyse erläutert Raul Eamets, Chefökonom der Bigbank, welche Faktoren das Wachstum bremsen.
Raul Eamets, Chefökonom bei Bigbank:
Die weltwirtschaftliche Lage hat sich in den vergangenen Wochen weiter verschlechtert
Nachdem zunächst noch die Hoffnung bestand, dass die Spannungen im Nahen Osten und die daraus resultierenden Verwerfungen an den Energiemärkten nur kurzfristiger Natur sein könnten, wird inzwischen immer deutlicher, dass es sich nicht nur um einen vorübergehenden Schock handelt. Die anhaltenden Störungen in Energieversorgung und Transport belasten die Inflationserwartungen, die Wachstumsaussichten und damit auch die geldpolitische Perspektive in Europa.
Für den Euroraum ist diese Entwicklung besonders problematisch, weil Europa in hohem Maß von Energieimporten abhängig ist. Steigende Öl- und Gaspreise wirken sich schnell auf Transport, Produktion und in weiterer Folge auf die Preise zahlreicher Waren und Dienstleistungen aus. Damit steigt das Risiko, dass sich der Inflationsdruck nicht nur verlängert, sondern auch breiter in der Wirtschaft festsetzt.
Aus Sicht von Bigbank ist vor allem entscheidend, was diese Entwicklung für Zinsen und Finanzpolitik bedeutet. Noch vor kurzer Zeit lag der Fokus stärker auf einer schrittweisen Normalisierung der Inflation und auf der Frage, wann die Geldpolitik wieder weniger restriktiv werden könnte. Inzwischen ist das Umfeld deutlich komplizierter geworden. Wenn externe Preisschocks anhalten und sich zunehmend auf die Binnenwirtschaft übertragen, sinkt der Spielraum der Europäischen Zentralbank für eine schnelle Lockerung. Das bedeutet: Das Zinsumfeld dürfte länger angespannt bleiben, als viele Marktteilnehmer noch vor wenigen Monaten erwartet hatten.
Hinzu kommt, dass Energiepreisschocks typischerweise nicht auf den Energiesektor begrenzt bleiben. Höhere Transportkosten, steigende Produktionskosten und indirekte Effekte - etwa auf Lebensmittelpreise - erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Inflation auch in anderen Bereichen länger erhöht bleibt. In einem solchen Umfeld müssen Zentralbanken das Risiko einer zu langen Inflationsphase gegen die Belastung für Wachstum und Kreditnachfrage abwägen. Genau dieser Zielkonflikt dürfte die Finanzpolitik und die Zinsentwicklung in den kommenden Monaten maßgeblich bestimmen.
Für Unternehmen und private Haushalte bedeutet das, dass Finanzierungsentscheidungen mit besonderer Disziplin getroffen werden sollten. Höhere oder langfristig erhöhte Zinsen verteuern Kredite, bremsen Investitionen und erhöhen die Anforderungen an Liquiditätsplanung und Risikomanagement. Für Sparer bleibt das Zinsumfeld zwar grundsätzlich attraktiver als in der Niedrigzinsphase, zugleich nimmt aber die gesamtwirtschaftliche Unsicherheit zu.
Aus Sicht von Bigbank kommt es nun vor allem darauf an, die Entwicklung von Inflation, Marktzinsen und geldpolitischen Signalen sehr genau zu beobachten. In einer Phase wie dieser gewinnen vorsichtige Finanzpolitik, nachhaltige Finanzierungslösungen und ein konsequentes Risikomanagement weiter an Bedeutung.
Über Bigbank
Die Bigbank AS ist eine Geschäftsbank mit estnischem Kapital und einer über 30-jährigen Geschichte. Zum 30. September 2025 belief sich die Bilanzsumme der Bank auf 3,2 Milliarden Euro, das Eigenkapital betrug 292 Millionen Euro. Die Bank ist in neun Ländern tätig, betreut mehr als 177.000 aktive Kunden und beschäftigt über 620 Mitarbeiter. Die Ratingagentur Moody's hat Bigbank ein langfristiges Bankdepot-Rating von Ba1 sowie eine Basis-Bonitätsbewertung (BCA) und eine angepasste BCA von Ba2 zugewiesen. Weitere Informationen unter www.bigbank.eu