- Nur noch 0,4 Prozent Wachstum 2026 erwartet
- Wirtschaftspolitische Bilanz der Regierung nach einem Jahr zu schwach
- Faires Gesamtpaket für Reformen muss zügig kommen
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert von der Bundesregierung einen deutlich entschlosseneren wirtschaftspolitischen Reformkurs. „Die Lage der deutschen Industrie ist kritisch. Kritisch heißt aber nicht hoffnungslos. Kritisch heißt, dass es jetzt auf Entscheidungen ankommt“, sagte BDI-Präsident Peter Leibinger anlässlich des Tags der Industrie (TDI) 2026 in Berlin.
Wachstum fällt auf 0,4 Prozent – Standortkosten lasten schwer
Die aktuelle Konjunkturprognose zeigt: Die wirtschaftliche Entwicklung fällt schwächer aus als noch zu Jahresbeginn erwartet. Im Januar hatte der BDI für 2026 noch ein Wachstum von einem Prozent prognostiziert, aktuell geht er nur noch von 0,4 Prozent aus. Die Rahmenbedingungen für die deutsche Industrie haben sich in den vergangenen Monaten vor allem wegen des Iran-Kriegs und dessen Folgen für Energiepreise und Lieferketten nochmals deutlich verschlechtert.
„Aber zur Wahrheit gehört auch: Wir sind oft nicht mehr so viel besser, wie wir teurer sind. Hohe Energiepreise, hohe Steuern, hohe Lohnstückkosten, hohe Lohnzusatzkosten und eine ausgeuferte Bürokratie belasten den Standort“, betonte Leibinger. Ein wettbewerbsfähiger Standort und industrielle Wertschöpfung bleiben die Grundlage für Wachstum und Beschäftigung. Genau hier verliert Deutschland jedoch an Tempo.
Ganzheitlicher Reformansatz gefordert
Aus Sicht des BDI reicht es nicht, einzelne Maßnahmen umzusetzen. Gefragt sei ein umfassender Ansatz. „Wir brauchen mehr als ein Puzzle aus einzelnen Reformen. Wir brauchen zuerst ein Zielbild für den Standort“, erklärte Leibinger. „Der Weg führt nur über ein Gesamtpaket an Reformen. Die Lasten des Pakets müssen fair verteilt werden. Über isolierte Einzelreformen lässt sich das nicht erreichen und vermitteln“, so Leibinger weiter. Die Bundesregierung versuche es seit über einem Jahr mit diesem Ansatz. Die Bilanz sei jedoch nicht gut, die Stagnation geblieben.
Der BDI fordert ein umfassendes Reformpaket, das Investitionen stärkt und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nachhaltig verbessert. Unternehmen müssen spürbar entlastet werden: durch niedrigere Unternehmenssteuern, bessere Abschreibungsregeln und gezielte Innovationsanreize. Arbeit darf sich nicht weiter verteuern. Staatsmodernisierung darf nicht länger ein Schlagwort bleiben, damit Planungs- und Genehmigungsverfahren schneller und die Verwaltung insgesamt effizienter werden. Und zuletzt: Ein zukunftsfähiger Standort benötigt eine solide finanzpolitische Basis. Im Haushalt muss konsequent priorisiert und konsolidiert werden.
Deutschland verfügt nach Einschätzung Leibingers weiterhin über ein starkes industrielles Fundament und innovative Unternehmen. Doch ohne entschlossene Reformen drohen dauerhafte Verluste an Wertschöpfung. „Die Politik muss liefern – konsequent, verlässlich und mit Priorität für Wachstum”, mahnte Leibinger. „Dann entstehen Investitionen, Wachstum und Aufbruch. Der Weg nach vorn ist nicht eine Option von mehreren. Er ist unsere gemeinsame Aufgabe.”
Tag der Industrie 2026
Der diesjährige Tag der Industrie findet als zweitägige Hybridveranstaltung statt. Vor Ort auf dem EUREF Campus Berlin tauschen sich mehr als 1.500 Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft über die Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten für den Standort Deutschland aus. Unter anderem sprechen Bundeskanzler Friedrich Merz, Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, Bundesumweltminister Carsten Schneider, Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, sowie Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Internationale Gäste sind u. a. Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission und die belarussische Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikawa. Der TDI 2026 findet in Kooperation mit Deloitte und weiteren Partnern statt.